Es reicht. Und zwar schon immer!

Seit Silvester wird in der Öffentlichkeit wieder stärker über sexualisierte Gewalt und Sexualstrafrecht diskutiert. Das medial vermittelte Bild, es seien primär „fremde“ Männer, die unsere“ Mädchen und Frauen belästigen oder vergewaltigen würden, ist dabei ein gewaltiger Mythos.
Laut einer repräsentativen Studie[1] haben über die Häfte aller befragten Frauen*[2] bereits eindeutige sexuelle Belästigung, 40% körperliche und/oder sexualisierte Gewalt[3], 42% psychische Gewalt erlebt. Den Großteil der Sexualstraftaten in Deutschland begehen Menschen aus dem engeren Bekannten- und Verwandtenkreis der Betroffenen: nur etwa ein Sechstel der Täter[4] sind unbekannt. Psychische Gewalt spielt eine entscheidende Rolle, denn oft besteht ein Vertrauensverhältnis, wenn es zu Übergriffen auf Frauen* kommt: von den betroffenen, in der Studie befragten Frauen* haben 60% bereits sexualisierte Gewalt und über 80% andere physische Gewalt durch Familienmitglieder oder (Ex-)Partner erfahren. Etwa 70% nennen dabei die eigene Wohnung als Tatort.
Das also ist die Realität: das Problem besteht schon lange, die Ursachen liegen in unserer patriarchalen Gesellschaft, dem strukturellen Sexismus und die Gefahr für Frauen*, ein Opfer dieser Strukturen zu werden, ist zuhause am größten.

Gewalt wird entlang gesellschaftlicher Machtungleichheiten der Geschlechter ausgeübt. Sexualisierte Gewalt ist am häufigsten gegen Frauen* gerichtet. Machtstrukturen wie Heteronormativität, Ableismus und Rassismus sind weitere Ursachen für (sexualisierte) Gewalt gegenüber anderen Menschen, weil den Menschen dabei eine vermeintlich abweichende Sexualität, eine sogenannte „Behinderung“ oder eine angeblich andere „Rasse“ zugeschrieben wird, die zugleich zu ihrer Herabsetzung eingesetzt wird. Täter nutzen (sexualisierte) Gewalt gegenüber anderen, um sie zu erniedrigen, sich über sie zu erheben und so eine Machtordnung (wieder) herzustellen. Diese Machtverhältnisse und ihre Zusammenhänge werden in der hiesigen Gesellschaft beschönigt und die Bedeutung von sexualisierter Gewalt damit völlig verharmlost.

Die Scham ist gerade bei Betroffenen sexualisierter Gewalt noch immer sehr groß, die wenigsten Taten werden überhaupt angezeigt. Wenn sich die Betroffenen dazu durchringen, müssen sie oft feststellen, dass das Strafgesetz in vielen Fällen nicht einmal greift; beispielsweise muss nach §177 StGB eine gezielte Einschüchterung oder Drohung der sexuellen Handlung vorausgegangen sein. Damit ist der 2011 von der BRD unterzeichnete Beschluss des Europarats (die „Istanbul-Konvention“), alle sexuellen Handlungen, die ohne das klare Einverständnis der Beteiligten erfolgen, zu bestrafen, im deutschen Strafrecht immer noch nicht umgesetzt. Ein „nein“ bedeutet auch in Deutschland nach wie vor nicht „nein“! Zudem müssen Betroffene von sexualisierter Gewalt nach geltendem Recht die Tat vor dem Gericht beweisen, was meist mangels Zeugen schwierig und für die Betroffenen zudem re-traumatisierend sein kann, weil sie die Situation(en) dabei immer wieder detailiert schildern und nochmals durchleben müssen. Ohnehin wird nur ein kleiner Teil der angezeigten Täter je verurteilt. Das Problem beginnt aber nicht erst mit den juristischen Aspekten!

Das Problem ist das patriarchale Geschlechterverhältnis. Nach den Übergriffen in der Silvesternacht hieß es, man solle die Gruppe der Täter eindeutig benennen. Wir tun es: 99% aller Täter sind Männer. Sexualiserte Gewalt wird zur Besätigung von Männlichkeit genutzt.
Reden wir also über gewaltvolle, dominante Männlichkeit. Das ist nicht einfach, weil diese Form der Männlichkeit in dieser Gesellschaft eine solche Selbstverständlichkeit darstellt, dass sie kaum noch wahrgenommen wird – schon gar nicht als das ernsthafte Problem, das sie ist. Oft genug wird Gewalt naturalisiert und behauptet: „Männer sind halt so.“

Ein Grund dafür ist, dass das Ideal dieser Männlichkeit – möglichst wenig Empathie und Rücksichtsnahme, dafür Härte, Durchsetzungsvermögen, Unnachgiebigkeit, Rücksichtslosigkeit und anderes aggressives Verhalten – gar nicht besser auf die Anforderungen unserer kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft passen könnte: nur der Stärkste gewinnt, der Rest kann schauen, wo er bleibt. Gewaltvolle Männlichkeit muss zelebriert werden, denn sie ist der Weg zur Herrschaft und zugleich Herrschaft selbst. Männliche Herrschaft zeigt sich beispielsweise in der Annahme, einen Anspruch auf die Aufmerksamkeit von Frauen* zu haben; im gekränkten Ego, wenn sich eben diese Frauen* gegen die belästigenden „Komplimente“ wehren; bei der Rechtfertigung, dass die Ehefrau „den kleinen Ausrutscher mit der Hand“ ja auch irgendwie „provoziert“ hatte und findet bei Vergewaltigungen ihre gewalttätigste Machtausübung.

Doch diese offensichtlich gewaltvollen Handlungen sind nur ein Aspekt des alltäglichen Sexismus. Denn für Männer ist es längst nicht notwendig, Gewalt im „klassischen“, physischen Sinne einzusetzen. Zum festen Programm des Patriarchats gehören auch subtilere Mittel, wie die Ausbeutung weiblicher Tätigkeiten. Das beginnt bereits, wenn Männer wie selbstverständlich ihrer Freundin die Hausarbeit überlassen, es für ganz logisch und „natürlich“ halten, dass die Mutter ihrer Kinder den Hauptteil der Kinderbetreuungsarbeit übernimmt und dafür die Lohnarbeit aufgibt oder wenn Männer Frauen* im Gespräch unterbrechen und nicht zu Wort kommen lassen, da sie davon ausgehen, dass sie ohnehin etwas Wichtigeres sagen zu haben.

Männliche Herrschaft und männliche Gewalt haben viele Gesichter und Formen. Der rassistische Diskurs wehrt diese Einsicht ab. Er lagert das Problem von Patriarchat und Sexismus in andere Teile der Welt – und verschleiert damit männliche Herrschaft hierzulande. Doch tatsächlich erleiden zumeist People of Colour sexualisierte Gewalt durch Weiße Männer, etwa im Kontext von Sextourismus oder Kriegseinsätzen, die eine historischen Fortführung der Vergewaltigungen im Kontext von Kolonialismus und Versklavung sind.

Wenn wir aufwachsen, lernen wir unbewusst von Anfang an, welche kulturelle Normen in unserer Gesellschaft gelten. Auch die patriarchale Machtverhältnisse gehören dazu.Sie werden uns überall vermittelt. Sei es medial, wenn uns in jeder Zeitschrift und auf jedem TV-Sender mitgeteilt wird, wie sich „richtige“ Männer zu verhalten, wie „richtige“ Frauen zu sein hätten und dass es nichts außer diesem „entweder oder“ gibt. Frauen werden uns nicht nur in absurden Dating-Shows als bloße Objekte vermittelt, deren Meinungen, Intelligenz oder Können eher zweit- oder drittrangig sind. Dass Männer wissen, wo es lang geht, hauptsächlich von ihrem Geschlechtstrieb gesteuert sind und nicht nur das Recht, sondern geradezu die Pflicht haben, sich ohne Rücksicht auf Verluste zu nehmen, was sie wollen, können wir u.a. in diversen geschlechterspezifischen Magazinen nachlesen. Dass diese beiden Geschlechter „natürlich“ füreinander bestimmt sind (und jede andere Variante doch zumindest „etwas komisch“ ist), kann uns ebenfalls jedes Kind berichten, schließlich besteht in jedem Bilderbuch und jedem Werbespot eine „glückliche Familie“ aus Vater, Mutter, Kind.

Patriarchale kulturelle Normen werden zum anderen durch die Alltäglichkeit der Rape-Culture deutlich. Es sind längst nicht nur die sogenannten „Pick-Up-Artists“, die gewalttätige und übergriffige „Tipps“ zur Kommunikation zwischen Mann und Frau geben – ähnlich formuliert lässt sich das in diversen Internetportalen nachlesen. Dass es zugleich Initativen wie „Heimweghotlines“ gibt oder männliche Kollegen sich zu Hinweisen auf die „zu freizügige“ Kleidung ihrer Kolleginnen* gezwungen sehen, erinnert uns alle täglich daran, dass in unserer Gesellschaft nach wie vor davon ausgegangen wird, dass Frauen* und Mädchen selbst die Verantwortung dafür tragen, dass sie körperlich und psychisch unversehrt bleiben und es ihre eigene Pflicht ist, entsprechende „Schutzvorkehrungen“ zu treffen.
Auf die Idee, ganz einfach Männern mehr Achtung vor anderen Menschen abzuverlangen oder schon Jungen beim Aufwachsen zum empathischeren Miteinander und einem vernünftigen Umgang mit den eigenen Ängsten und Unsicherheiten zu erziehen, kommen derweil nicht ganz so viele.

Doch nicht nur diese Aspekte werden in der Debatte über Sexismus und sexualisierte Gewalt seit der Silvesternacht vernachlässigt. Selten thematisiert wird zum Beispiel auch, dass absolut nicht nur Weiße, deutsche Frauen* von Sexismus und sexualisierter Gewalt betroffen sind. Ein koloniales, rassistisches Narrativ konstruiert Weiße Frauen* als „rein“ und schützenswert, während es Frauen* of Colour mal als hypersexuell und freizügig, mal als passiv und verfügbar darstellt. Diese Zuschreibungen machen sie zu einer noch stärker gefährdeten Betroffenengruppe. Illegalisierte Frauen* sind zudem besonders schutzlos, weil sie noch nicht einmal die (ohnehin unzureichende) Möglichkeit haben, den Täter auf dem Rechtsweg zur Rechenschaft zu ziehen. Spezialisierte Anlaufstellen für People of Colour, sowie Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrungen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind, gibt es noch viel zu wenige.

Menschen, deren Erscheinung und Verhalten den gesellschaftlichen Normen wie beispielsweise Zweigeschlechtlichkeit oder Heterosexualität widersprechen, sind dabei in besonderem Maße von gewaltvollen Übergriffen betroffen. Männliche Herrschaft ist nicht nur an eine hierarchische, zweigeteilte Geschlechternorm gebunden, sondern auch eng mit einer zwanghaft idealisierten Heterosexualität verknüpft. Trans*- und Inter*personen haben oft keinerlei Schutzräume und auch für sie sind Informationen und Anlaufstellen dünn gesät. In einem Land, in dem „schwul“ ebenso als Beleidigung gilt wie „Mädchen“, sind schwule, lesbische und nicht-genderkonforme Menschen körperlichen, wie psychischen und sexualisierten Angriffen eindeutig stärker ausgesetzt als andere.

All dies haben wir satt – und zwar schon immer!
FLTIQ*-Bewegungen kämpfen gegen sexualisierte Gewalt und Sexismus der patriarchalen Gesellschaft. In Solidarität mit allen Betroffenen wollen wir am 6.März einmal mehr auf die Zustände aufmerksam machen und anlässlich des Frauen*kampftages gemeinsam auf die Straße gehen!

* * *
[1] Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland, Ergebnisse der repräsentativen Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen.
Kurzfassung der Untersuchung von Schröttle und Müller (2003), in Auftrag und herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Stand 2013.
Die Studie bietet ein umfassendes und repräsentatives Bild von Ausmaß, Hintergrund und Folgen von Gewalt gegen Frauen in Deutschland; es
wurden insgesamt über 10.000 Frauen im Alter zwischen 16 und 85 Jahren in Gemeindestichproben ausgewählt und in Interviews und schriftlich
befragt. (Es ist davon auszugehen, dass bei dieser Untersuchung lediglich cis-Frauen, aber beispielsweise keine Transfrauen, Inter*personen oder
genderqueere Menschen (bewusst) befragt wurden.)
www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Lebenssituation-Sicherheit-und-Gesundheit-von-Frauen-in-Deutschland.pdf

[2] Das Sternchen zeigt an, dass „Frauen*“ hier nicht nur weiblich sozialisierte (cis)Frauen, sondern beispielsweise auch Transfrauen, Transgender,
Inter*personen oder queere Menschen meint, die sich selbst (auch) im weiblichen Spektrum der Geschlechtervielfalt sehen. Auch wir stehen vor der Herausforderung, die unsere Sprache angesichts der bisher kaum beachteten Vielfalt darstellt. Wir hoffen, dass sich trotzdem möglichst viele der gemeinten Menschen tatsächlich auch genannt fühlen.

[3] In der benannten Studie wurden nur sexualisierte Gewalt abgefragt, die „strafrechtlich relevant“ ist. Die Frauen*, die andere Ausprägungen
sexualisierte Gewalt erlebt und berichtet haben, sind hier also noch nicht einmal mitgezählt!

[4] Da der absolut überwiegende Teil der Gewalttaten gegen Frauen* von Männern begangen wird und wir uns darauf fokusieren, verwenden wir hier eine rein männliche Schreibweise. Es ist nicht unser Anliegen, Gewalt in anderen Konstellationen (etwa lesbischen Beziehungen) dadurch zu verleugnen oder zu verharmlosen.